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„Ich gehe dort hin, wo die Menschen sind“: Josephine Teske ist Pastorin und Influencerin

  • 25. November 2020
  • Von Deichdeern
  • 0 Kommentare

Moin,

wir haben 2020. Alles wird digitaler – sogar die Kirche. Ich möchte euch heute eine Frau vorstellen, der ich schon seit längerem auf Instagram folge. Die Büdelsdorfer Pastorin Josephine Teske (34) postet auf ihrem Kanal @seligkeitsdinge_ christliche und persönliche Inhalte. Ihre Themen reichen von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis hin zum Feminismus. Allein auf Instagram erreicht sie mit ihren Beiträgen 22.800 Follower. Davon schauen allein 15.000 Menschen täglich ihre Instagram-Stories. 15.000 – das kann man sich in Kirchengrößen garnicht vorstellen, aber in Stadien: 15.000 Plätze fasst das Holsteinstadion. Ausverkauft.

Josephine (@seligkeitsdinge_) • Instagram-Fotos und -Videos

Ich habe mich mit Phine zum Videocall verabredet. Wir starten sanft mit etwas Smalltalk. Über ihren Werdegang. Die heute 34-jährige ist in der brandenburgischen Uckermark aufgewachsen, damals noch DDR. Kirche und Glauben wurden dort weitestgehend verdrängt. Trotzdem hat es bei ihr eine Rolle gespielt. Sie war beim Flöten, im Kinderchor und hatte somit alle ihre Freunde in der Gemeinde. Mit 14 ging es dann zum Konfirmandenunterricht und auf „Konfirfreizeit“. Damals lief im Radio des Speisesaals „Eye of the tiger“ von Survivor. Ihr wisst schon, den Knallersong aus Rocky. Und was war? Alle tanzten. Völlig frei. Alle. Auch der Diakon. Für Phine lacht: „Da wusste ich sofort, das will ich auch. Ich will auch so arbeiten dürfen. Wo man sich frei bewegt, Spaß hat und die Gemeinschaft lebt.“ Nach der Freizeit – also mit 14 – war es dann glasklar: Sie will Pastorin werden – und hat sich bis zum Studienbeginn nie daran gezweifelt. Als sie dann in Rostock ankam, merkte sie schnell: „Hier ist nix mit Gemeinschaft. Hier ist Wissenschaft.“ Es war sogar so viel Wissenschaft, dass ihre anfängliche Intention diesen Beruf auszuüben, die Gemeinschaft, immer trüber in den Hintergrund rückte. Sie lernte wie eine Irre. Darunter zig Sprachen. Viele davon tot. Von fünf Leuten aus dem Semester schafften zwei den Abschluss. Phine war eine von ihnen. Und dann. Dann kam der Bruch. Sie brachte im letzten Semester ihren Sohn Samuel tot zur Welt. In der dunkelsten Stunde ihres Lebens, mit all der Wut in sich, fand sie wieder zu Gott. Baute eine Beziehung zu ihm auf und fühlte sich nach und nach wieder lebendig.

Dieses Bild postete sie vergangene Woche auf Instagram. An Samuels Geburtstag. Mit bewegenden Zeilen dazu: https://www.instagram.com/p/CHx-U6tgwqp/

„Wenn man liebt, was man tut, schaut man nicht auf die Uhr.“

Puh. Und da sind wir nun. Nach gerade mal 15 Minuten unseres Gesprächs kämpfe ich schon mit den Tränen, spreche mit ihr wie mit meinen engsten Freundinnen. Und ich spüre, was all ihre Follower*innen spüren: Sie ist echt. Ehrlich. Einzigartig. Unplugged. Weit und breit keine Spur von diesem angestaubten Kirchenimage. Mich beeindruckt ihre Haltung sehr. Diese Offenheit und Vertrautheit, die sie in einem auslöst. Das erfahren auch andere. Ich möchte von ihr wissen, ob sie zu jeder Tag und Nachtzeit auch mit dieser Vertrautheit ihrer Follower umgehen kann und sie sagt mir, dass sie es erst lernen und strukturieren musste. Je größer ihre Reichweite wurde, desto mehr persönliche Nachrichten erhält sie. Manche sind ewig lang – und sehr persönlich. Manche schreiben ihr sogar von Suizidversuchen. Wie geht man damit um? „Es ist ein Lernprozess, den ich durchlaufen habe. Früher habe ich sofort geantwortet. Teilweise mitten in der Nacht. Das hat sich geändert. Ich nehme mir feste Zeiten am Tag, an denen ich meinen Follower*innen antworte – dann aber auch ausführlich.“ Dass sie eine echte Pionieren als „Sinnfluencerin“ ist, sieht man auch an ihrem Arbeitsverhältnis, denn 1/4 ihrer Arbeitszeit ist sogar vertraglich fest für „digitale Kirche“ verankert, „wobei die Arbeitszeit einer Pastorin in Prozent ausgedrückt wird und nicht in Stunden“, verrät sie mir mit einem Augenzwinkern. Ich bohre nach, will konkret wissen, wie viele Stunden sie arbeitet – und sie bleibt gelassen. „Wenn man liebt, was man tut, schaut man nicht auf die Uhr.“ – Ich weiß, Wandtattoos sind aus der Mode, aber den Satz würde ich mir gern über meinen Arbeitsplatz kleben. Ich weiß genau, was sie meint.

Und was ist mit Kritik?

Josephine ist anders. Sie schreibt über feministische Themen, wie die Vulva, über Menstruation und über Homosexualität. In ihrer Kirche hat sie Hygieneartikel ausgelegt und zwar auf den Damen- und auf den Herrentoiletten. Man weiß ja nicht, ob es in der Gemeinde auch Männer gibt, die ihre Periode haben“, sagt sie mit einer völligen Selbstverständlichkeit. „Und kommt das an?“ will ich wissen.- „Und wie!“ versichert sie mir. „Bei allen? Gibt es nicht auch mal Kritik?“ – „Kritik gibt es. Allerdings immer nur aus den eigenen Reihen. Wie groß sie wirklich ist, weiß ich nicht. Aber ich glaube, der Probst bekommt da schon die ein oder andere Nachricht.“ Der Probst leitet diese allerdings in den seltensten Fällen weiter. Er weiß um die Leistung Teskes und um ihren Zauber der Kirche einen neuen, frischen Atem einzuhauchen.

Fotocredits by Josephine Teske/@seligkeitsdinge_

„Wir müssen wieder da hin, wo die Menschen sind“

A propos frisch, dieses Jahr hat Phine überdurchschnittlich viele Outdoor-Gottesdienste abgehalten. Unzählige Taufgottesdienste fanden zum Beispiel im Kuhstall, am See, im Wald oder im Garten statt. „Warum denn auch nicht?! Ich gehe da hin, wo die Menschen sich wohl fühlen. Viele erdrückt die Kirche von ihrer Architektur. Die Menschen sollen sich wohl fühlen. Das ist die Hauptsache“, bescheinigt die zweifache Mutter. Sie erzählt mir, dass sie in diesem Coronasommer vielen Eltern auch gezeigt hat, wie man tauft, damit sie es selbst durchführen konnten. So konnte sie draußen einfach mit Abstand und ohne Mundschutz daneben stehen und es war für alle garnicht mehr so befremdlich. Und normale Gottesdienste? Die finden auch mal in der Büdelsdorfer Bäckerei statt. „Wir müssen wieder da hin, wo die Menschen sind – und das ist beim Bäcker genauso wie im Internet.“

Danke Josephine. Ich spiele jetzt noch eine Runde „Eye of the Tiger“ und denke an dich.

Deine und eure Deichdeern
Julia

 

Deichdeern

Moin, ich bin Julia! Ich lebe mit meiner Familie im Herzen Nordfrieslands und schreibe seit 2015 als Deichdeern auf meinem gleichnamingen Blog über alles, was mein Landherz höher schlagen lässt. Ich mag den Blick über den eignen Tellerrand - pardon Deich - und nehme euch deshalb gern mit auf einen Entdeckungstörn durchs heimische Gewässer, unserem schönen Schleswig-Holstein. Mein Schreibstil und mein Charakter sind sich sehr ähnlich: Authentisch. Ehrlich. Norddeutsch geradeaus. Ohne viel Schnickschnack. Also, Leinen los!

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