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Literarische Frühlingsgefühle

  • 10. Mai 2020
  • Von Imke
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Literarische Frühlingsgefühle

Ich lese gern und viel! Ich liebe es, in kleinen lokalen Buchläden zu stöbern oder bei einem Becher Kaffee in Leihbüchern zu blättern. In Flensburg kann ich das sogar gleich an zwei besonders gemütlichen Orten – einmal in der Stadtbibliothek und einmal in der Dansk Centralbibliotek. Mit viel Muße und Entdeckerlust lese ich mich hier wie dort durch die Bücherregale und freue mich auf lange freie Nachmittage am und im Wohnwagen …

In diesem Jahr ist alles etwas anders – auch die Art, wie ich meine literarischen Frühlingsgefühle auslebe. „Anders“ heißt in diesem speziellen Fall nicht unbedingt schlechter. Ich habe sogar ganz besondere Entdeckungen gemacht. Statt Streifzügen durch Stadtbücherei und lokalen Buchhandel habe ich die öffentlichen Bücherschränke Flensburgs durchforstet, die Onleihe ZWISCHEN DEN MEEREN entdeckt und unseren gut gefüllten Bücherregalen zuhause mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Meine drei Lieblings-Fundstücke möchte ich euch vorstellen:

Flauschküken mit karierter Handtasche, Fundort: Unser Bilderbuchregal

„Küken saß auf einem Ast und wartete auf nichts.“ Allein für den ersten Satz hat das Buch einen Preis verdient! Dazu ein doppelseitiges Bild mit zwei küssenden Turteltauben, Eichhörnchen und Specht beim Morgenplausch und dem unglaublich gelben Küken, das mit seiner winzigen karierten Handtasche am Arm und einem herzzerreißenden Augenaufschlag auf einem Ast sitzt und mit seinen kurzen Beinchen mit den roten Hackenstiefeln baumelt…

Ich habe das Buch vor einigen Jahren als Rezensionsexemplar bekommen und war damals schon ganz hin und weg. Jetzt bin ich es wieder. Die Geschichte ist schnell erzählt: Die kokette Kükendame trifft den schlitzohrigen – und sehr hungrigen – Fuchs. Am Ende heißt es „Küss mich oder friss mich!“…

Ich hatte schon ganz vergessen, wie umwerfend dieser gelbe Federball aussieht, wenn er mit leicht geröteten Wangen, und einer aufgespießten Olive in der Hand auf der Picknickdecke liegend den Fuchs anhimmelt.

Katharina Grossmann-Hensel: Küss mich oder friss mich! Annette Betz Verlag, 2012, ISBN: 978-3-219-11508-6

Ich gebe zu, ich habe lange keinen Blick mehr in unser Großbuch-Regal geworfen. Es sind einfach zu selten Vorlesekinder zu Besuch. Dabei stehen da nicht nur Bücher, die Kindern Spaß machen.

”Never miss the last day of the summer.”, Fundort: Unser Bilderbuchregal

Aus Kindersicht besteht das Leben oft aus lauter Regeln – und den schlimmen Folgen, wenn man sie nicht befolgt. Shaun Tan hat daraus ein ganzes Buch gemacht. “Rules of summer” heißt es und es erzählt von den vielen Regeln, die ein großer Bruder vorgibt. Völlig beliebige Regeln, die nur dazu da zu sein scheinen, dem Kleineren Angst zu machen und den Spaß zu verderben. Auf den vollflächig illustrierten Doppelseiten steht häufig nur ein einziger Satz, trotzdem erzählt jede Doppelseite eine ganze Geschichte.

”Never leave the back door open overnight” lautet eine dieser Regeln. Das, was sich da sonst über Nacht Zugang verschafft, ist am nächsten Morgen nur schwer zu bändigen. Alle Bilder sind etwas düster, aber unglaublich fantasievoll.

Und am Ende? Unbedingt selbst lesen! Nur ein Tipp vorweg: „Never miss the last day of summer.”

Shaun Tan: Rules of summer, Scholastic, 2014, ISBN: 978-0545639125

In der Onleihe ZWISCHEN DEN MEEREN, dem Online-Ausleihportal der Schleswig-Holsteinischen Büchereien, habe ich eine Weile unter der Kategorie „Belletristik und Unterhaltung“ nach kurzweiliger Abendlektüre gesucht – und bin auf Dora Heldt gestoßen. Die Hamburger Autorin hatte ich schon einmal am Wickel. Ihre Protagonistinnen sind oft – wie ich – Ende 40, die Eltern entsprechend älter. Ihre norddeutschen „Typen“ sind einfach zum Verlieben. Genau das richtige zum fröhlichen „Weglesen“. Mein persönlichers Lieblingsbuch: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen.“, in dem zwei findige Rentner eine reichlich zwielichtige Verkaufsfahrt aufmischen.

Ein einziges Buch habe ich in den vergangenen Wochen online bestellt und das auch nur, weil ich es an einem wahren Traumort für alle Wortfreunde gefunden habe: auf den Seiten des Projektes „Ohrenkuss“. Ohrenkuss ist ein Magazin mit Texten von Menschen mit Down-Syndrom. „Man hört und sieht ganz vieles. Das meiste davon geht zum einen Ohr hinein und sofort zum anderen Ohr wieder hinaus. Aber manches ist auch wichtig und bleibt im Kopf – das ist dann ein Ohrenkuss“, schreibt das Redaktionsteam. Von wegen, Menschen mit Down-Syndrom könnten nicht schreiben oder lesen! Ich habe mir jedenfalls das Ohrenkuss-Wörterbuch bestellt.

Mein Frühlingsfavorit: Lauter originelle Ohrenküsse, Fundort: Internet

In dem Wörterbuch, das schon 2008 zum 10. Geburtstag des Magazins „Ohrenkuss“ erschienen ist, sind jede Menge Gedanken zu Worten von den Redakteur*innen zusammengestellt. Und es ist nicht nur ein Ohrenkuss, sondern auch ein Augenschmaus: 2011 ist es mit dem Designpreis der Bundesrepublik in Silber ausgezeichnet worden.

Man findet in dem Wörterbuch zwar nicht unbedingt das eine Wort, das man gerade sucht, dafür aber ganz sicher viele andere, die es sich lohnt, aus der Sicht der Autor*innen kennenzulernen. Unter S entdecke ich zum Beispiel zu „Schönheit“: „Ich mag gern schön sein.“ (Julian Göpel, 2002), unter G wie „Gartenzwerg“ lese ich: „Das Gartenzwerg steht auf Wiese, neben kleinen Bach. Der Hand mit Gießkanne, der gießt Blumen und Frühlingsanfang und ganze Menge […]“ (Karoline Spielberg, 2006) und zu „Tanzen“ hat Nele Winkler 2003 diktiert: „Ich mag tanzen gerne. Musikhören, springen, mit den Hüften tanzen, mit den Armen tanzen und die Sonne genießen.“ Dieses Wörterbuch ist mein absoluter Frühlingsfavorit!

Dr. Bärbel Peschka u. Dr. Katja de Bragança (Hrsg.): Ohrenkuss. Das Wörterbuch. downtown – werkstatt für kultur und wissenschaft, 2008, ISBN: 978-3-00-024933-4, Bestellung: www.ohrenkuss.de

Und dann sind da noch die öffentlichen Bücherschränke in Flensburg. Allein die Lektüre-Zusammenstellung vor Ort macht schon gute Laune! Wo sonst findet man eine CD-Sammlung des Orchesters der Deutschen Kinderärzte (Ich habe nicht einmal geahnt, dass es das gibt!) neben dem unvermeidlichen Mario Simmel, der gern auch in mehrfacher Ausführung seitenweise kundtut „Niemand ist eine Insel“. Ein besonderes Fundstück war auch der – noch eingeschweißte – Geburtstagskalender der Deutschen Aidshilfe mit monatlich wechselnden Abbildungen von Liebesorten. Überraschungen sind garantiert.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesestöbern!

Onleihe ZWISCHEN DEN MEEREN: www.onleihe.de/schleswig_holstein

Imke

Ich bin Imke, studierte Germanistin, gebürtige Nordrhein-Westfälin und überzeugte Wahl-Schleswig-Holsteinerin. Ich habe im Norden mein Zeitungsvolontariat gemacht und weiß seither, dass ich „ans Wasser“ gehöre. Nach Zwischenstationen in Köln, Bamberg, Bayreuth und Oldenburg in Niedersachsen lebe ich seit 2014 mit Mann und Hund (wieder) im nördlichsten Norden – in Flensburg. Ich liebe es, direkt vor der Haustür zu Fuß auf Entdeckungstouren zu gehen und zähle seit 2018 zur Spezies der Camper. Wo unser erster Mini-Wohnwagen steht? Natürlich in Schleswig-Holstein!

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