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Ich bin ganz Ohr

  • 18. November 2020
  • Von Imke
  • 0 Kommentare
Ich bin ganz Ohr

„Der sechste, der letzte Buchstabe aus seinem Familiennamen, ist der Auftaktbuchstabe des gesuchten Begriffs.“ Kommt euch bekannt vor? Bei Leiv und mir gehörten Sätze wie dieser lange zu unserem festen Sonntagsritual. Immer sonntags um 9:30 Uhr haben wir unser Radio auf die Frequenz von Deutschlandfunk Kultur eingestellt. – Ja, wir haben tatsächlich (auch) noch ein Radio, an dem man den Sender reinDREHT!

Wenn das Intro erklang, mussten der Frühstückstisch gedeckt, der Kaffee gekocht, Stift und Zettel zum Miträtseln bereitgelegt sein. Der Sendeplan wartete schließlich nicht auf uns. Und verpassen wollten wir es auf keinen Fall, „Das klingende Sonntagsrätsel“ – unsere persönliche Sonntagszeitreise. Einfach, weil die Sprache sich seit den Anfängen mit Hans Rosenthal Mitte der 1960er Jahre gefühlt kaum geändert hat. Außerdem waren die Preise so unspektakulär, dass allen klar war: Hier geht es allein um das Hörerlebnis!

Der Frühstückstisch ist gedeckt, der Minilautsprecher bereit; „Das klingende Sonntagsrätsel“ kann starten.

Irgendwann hatten wir uns die in der Zeit stehen gebliebene Buchstabensuche ein bisschen überhört. Aktuell lassen wir uns von „Zwischen Hamburg und Haiti“ (NDR Info) oder „Gesichter Europas“ (Deutschlandfunk) beim Frühstück unterhalten – als Podcast. Und damit bin ich schon mittendrin im Thema…

Mix-Tapes meets Podcast

Eins ist klar: Mit der Anschaffung unseres ersten IPads vor rund einem Jahr hat sich unser Hörverhalten verändert. Aber davon abgesehen habe ich festgestellt, dass ich in ganz verschiedenen Situationen nicht nur ganz unterschiedlich sondern auch ganz Unterschiedliches höre – und Leiv da sowieso noch einmal ganz anders mit den Ohren konsumiert als ich.

Eine Freundin hat mir mal das Schleswig-Holstein-Lied aufgenommen – mit Booklet 😉

Erstmal zu den Medien: Neben unserem IPad haben wir ein Küchenradio – das mit dem Senderdrehknopf –, einen Schallplattenspieler, ein Radiodeck, einen Cd-Spieler und einen Laptop. Bis vor ein paar Jahren hatten wir auch noch einen Kassettenrekorder, aber der hat nur noch Bandsalat produziert. Ein paar Kassetten habe ich aber trotzdem behalten, darunter eine Handvoll der für meine Generation (*1972) noch obligatorischen Mix-Tapes – von Freunden oder selbst mitgeschnitten aus dem Radio. Kassetten zu hören, war für mich in den vergangenen Jahren mit Recorder reines „Nostalgiehören“, also eigentlich auch eine kleine Zeitreise, aber eine, deren Startzeitpunkt ich selbst bestimmen konnte und deren Programm sich niemals änderte – auch schön.

Das Kabel als Kartenhalter – unser kleines Küchenradio ist bestens integriert.

Ein Hoch auf das Dudelradio

Wenn ich in der Küche werkele, lief vor der Coronainformationsflut immer NDR Info. Einfach, weil ich als Journalistin neugierig bin auf fast alle Themen und mich selten so lange in der Küche aufhalte, dass mich die sich ständig wiederholenden Nachrichten gelangweilt hätten. Als mir die Corona-Dauerbeschallung zunehmend auf den Magen schlug, habe ich das Senderrad weitergedreht und bin zu NDR 2 und NDR 1 gewechselt: Musik zum Mitsingen und -wippen, dazwischen – bis auf die Ncahrichtensendungen – überwiegend erholsam belanglose Inhalte, präsentiert von meist gut gelaunten Moderrierenden.

So habe ich das „Nebenbeihören“ kultiviert – etwas, von dem ich dachte, dass ich es nie könnte. Ich habe nämlich als Teenie schon nicht zu denen gehört, die bei den Hausaufgaben locker nebenbei den aktuellsten Hits lauschen konnten. Das Nebenbeihören ist also tatsächlich eine Neuentdeckung für mich – zumindest bei der Küchenarbeit. Da stört es mich auch nicht, wenn Wasserkocher oder Mixer vorübergehend akustisch die erste Stimme übernehmen. Ich verpasse ja nichts.

Leiv ist dann mal weg… Wer Kopfhörer aufsetzt, taucht ab.

Hör dich schlau!

Ganz anders bei Leiv. Der hört bewusst – auch in der Küche. Er verschwindet mit IPad und unserem kleinen gelben Minilautsprecher oder einem Kopfhörer, schließt die Tür, sucht sich einen seiner Lieblingspodcasts aus, die irgendwann angefangen haben, den „Desktop“ meines IPads zu bevölkern und startet sein Rundum-Infoprogramm mit DLF, Franceinfo, BBC radio 4, Danmarks Radio P1, national public radio – (fast) die ganze Welt bei uns in der Küche.

Er nutzt die Zeit, ich lasse sie verstreichen. Am Kochergebnis ändern unsere unterschiedlichen Hörgewohnheiten übrigens nichts: Es schmeckt, egal ob ich dabei summe und wippe oder Leiv konzentriert politische Ereignisse auf Dänisch verfolgt.

Unsere heißgeliebten Lautsprecher von Leivs Opa, sein moderner kleiner gelber Bruder und ein selbst zusammengestellter „Mediatower“.

So ein gezieltes „Informations- und Lernhören“ kenne ich natürlich auch. Dann sitze ich auf der Fensterbank und stelle mir beim Radiodeck den dänischen Sender Denmarks Radio P1 ein – in Flensburg direkt an der Grenze kein Problem. Auf P1 gibt es jede Menge Interviews und Sendungen, in denen mehrere Menschen miteinander diskutieren. Ich freue mich, wenn ich nach fünf Minuten weiß, worum es in der Sendung geht, und wenn ich dann sogar ab und zu ganze Sätze verstehe, fühle ich mich schon fast wie eine waschechte Dänin. Zum Glück sprechen einige Modertoren sehr sehr deutlich und langsam. Das ist nicht sehr dänisch, wie ich auf der Straße immer wieder feststelle… Lange kann ich mich bei dieser Art „Informations- und Lernhören“ allerdings nicht konzentrieren. Dann fallen mir die Ohren zu – oder wie sagt man das, wenn es ums Hören geht?

Mit einem halben Ohr schon eingeschlafen…

Eine Hör-Konsumart, die wir uns in den vergangenen Jahren zur lieben Gewohnheit gemacht haben, ist das abendliche „Lesenhören“. Vor Corona war das untrennbar mit dem CD-Spieler verbunden. Als die Stadtbibliothek coronabedingt geschlossen hatte, haben wir die Onleihe entdeckt. Statt der Hörbücher auf CD gibt es jetzt die Hörbücher als Audiodatei zum Download, aber ich freue mich schon wieder auf die „alten“ Hörbücher in CD-Hüllen, denn auch wenn man ihn nicht hört: Für mich ist es ein Unterschied. Ich mag es einfach nicht so gern, mit dem IPad nach Feierabend am Bett ein potentielles „Arbeitsgerät“ im Einsatz zu haben.

Zum Einschlafen: Hörbücher oder selbst Vorlesen – eins von beiden muss sein.

Übrigens höre ich nie Hörspiele, nur Hörbücher – einfach gut vorgelesene Bücher, ohne Geräuschschnickschnack. Wenn Leiv vorliest, fängt er ja auch nicht an, zwischendurch Türen zu schlagen oder ein Tier zu imitieren. Da reicht mir meine eigene Phantasie, alles andere stört nur meinen Hörgenuss. Mit Features stehe ich sogar geradezu auf Kriegsfuß. Zu experimentell. Zu viele Geräusche, die mich ablenken.

Einladungen zum Sinnen-Wechsel

Eine Ausnahme mache ich bei Hörfassungen von TV-Sendungen. In der Mediathek gibt es zu fast allen Sendungen auch die Audiofassung für blinde Menschen. Auch wer nicht blind ist, sollte sich einmal bewusst darauf einlassen. „Das Augenpaar eines Mannes. Er sieht nach links. Nach rechts. Geradeaus …“ Erkannt? Klar! Das ist das Intro zum Tatort – nur eben als Hörtext statt als Bild.

Und weil ich schon dabei bin: Ich habe noch einen weiterer Tipp für eines Sinnen-Wechsel: Ein Handball- oder Fußballspiel hören – statt zu sehen. Die großen Spiele werden fast alle auch im Radio kommentiert. Super! Weil die Moderatoren bei schnellen Spielgeschehen ja möglichst alles beschreiben wollen, sprechen sie so schnell, dass manchmal sogar Dieter Thomas Heck erblasst wäre. Wer dann nicht mit den Ohren am Radio klebt, kann kein Fan sein!

Entschleunigung des Hörens, Knacken inklusive – das ist Schallplattenfeeling!

Leise knisternder Hörgenuss

Meine persönliche Königsdisziplin ist aber das reine „Genusshören“. Am allerschönsten ist es, wenn es mit einem gleichmäßigen Knacken beginnt – der unverkennbare Hinweis darauf, dass unser Schallplattenspieler zum Einsatz kommt. Wir haben einen ganzen Schrank voller Schallplatten – genau genommen haben wir diesen Schrank vor ein paar Jahren sogar extra für unsere Schallplatten bauen lassen. Das meiste sind alte Klassikplatten von unseren Eltern – von Bachs Messias bis zu den Gregorianischen Gesängen. Dazu kommen Klassiker wie Jimi Hendrix, die Beatles und Tom Waits neben neueren Scheiben von Tocotronic und der großartigen Dota, die früher als Kleingeldprinzessin Musik machte.

Von Klassik bis Pop – unsere kleine Schallplattensammlung.

Aufstehen, bevor sich der Schallplattenarm wieder hebt? Undenkbar! Auch nicht zum Klo. Klar könnte ich die Platte theoretisch anhalten und wieder neu beginnen. Aber Platten muss man einfach durchhören – finde ich zumindest. Insofern ist dieses Genusshören immer auch eine Disziplinarmaßnahme, wenn ich merke, dass ich zu unruhig bin. Weil mir zu viel im Kopf rumschwirrt oder der Schreibtisch zu voll ist. Nur wenn ich durchhalte, werde ich belohnt: Mit einem herrlich gedankenleeren Kopf, der durch die Melodie schwimmt. Ein bisschen so stelle ich mit Meditation vor. Für mich ist das jedenfalls Entspannung pur…

Ich habe mir übrigens das Programmheft vom Deutschlandfunk bestellt. Ich weiß, das gibt es auch online, aber wenn ich schon ganz „old school“ Radiosendungen dann höre, wenn sie gesendet werden, möchte ich auch ganz „old school“ im Programmheft blättern und mir die Sendungen ankreuzen, die ich interessant finde. Und dann: Einfach mal „live“ hören, sich die Zeit nehmen. Sitzen bleiben. Ohren auf. Genießen. Ich freue mich drauf!

Und falls sich jetzt jemand von euch fragt, warum Kopfhörer hier gar keine Rolle spielen: Die nutze ich ausschließlich für Webkonferenzen und -meetings. Darüber hinaus mag ich es einfach nicht, akustisch komplett von meiner Umgebung abgekoppelt zu sein.

Imke

Ich bin Imke, studierte Germanistin, gebürtige Nordrhein-Westfälin und überzeugte Wahl-Schleswig-Holsteinerin. Ich habe im Norden mein Zeitungsvolontariat gemacht und weiß seither, dass ich „ans Wasser“ gehöre. Nach Zwischenstationen in Köln, Bamberg, Bayreuth und Oldenburg in Niedersachsen lebe ich seit 2014 mit Mann und Hund (wieder) im nördlichsten Norden – in Flensburg. Ich liebe es, direkt vor der Haustür zu Fuß auf Entdeckungstouren zu gehen und zähle seit 2018 zur Spezies der Camper. Wo unser erster Mini-Wohnwagen steht? Natürlich in Schleswig-Holstein!

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