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Eine Woche Erholung in nur zwei Tagen – Friedrichstadt

  • 22. Januar 2020
  • Von Admin
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Eine Woche Erholung in nur zwei Tagen –  Friedrichstadt

Die Idee, nach Klein-Holland zu fahren, kam mir Ende Oktober in einem Kumpir-Laden. Natürlich nicht des Kumpirs wegen, sondern weil ich endlich einmal Zeit hatte, meine Gedanken zu ordnen. Schließlich ging es um das Geburtstagsgeschenk für meine Freundin und ihr Geburtstag rückte gefährlich schnell näher.

Das Geschenk sollte ein Ausflug mit Übernachtung in einem Hotel sein, die Anforderungen daran waren relativ simpel: ein uns unbekannter Ort, der Entspannung verspricht und nicht allzu weit von unserer Heimat Kiel entfernt ist. Ein Ort also, den man an einem Wochenende erkunden kann, der das Wochenende aber wie eine Woche Urlaub wirken lässt. Möglichst nicht allzu teuer, Weihnachten ist schließlich auch nicht mehr weit.

Während ich also meinen Kumpir aß und auf Google Maps umhersuchte, stieß ich auf Friedrichstadt. Nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass das auch als Klein-Holland bekannte Städtchen durch seine niederländisch geprägte Architektur gekennzeichnet ist – Grachten inklusive. Mit nur 68km Entfernung zu Kiel schien mir diese Option perfekt, zumal es vor Ort ein sehr romantisch anmutendes Hotel namens Aquarium gab, das der Jahreszeit entsprechend auch noch Zimmer frei hatte. Nachdem ich auch nach Restaurants vor Ort gesuchte hatte und vielversprechend fündig wurde, verlangte mein Magen nach mehr als nur einer Kartoffel mit Salat. Ich aß also schnell auf, beendete meine Recherche und buchte ein Doppelzimmer im Aquarium.

Als ich meiner Freundin den Ausflug in Form eines Gutscheins schenkte, machte sich bei uns beiden schnell Vorfreude breit. Einfach mal raus aus dem Alltag, für zwei Tage entspannen und zur Ruhe kommen. Google vertrauend stellten wir uns darauf ein, dass Friedrichstadt nicht viel mehr zu bieten habe, als die neun mit typisch holländischen Treppengiebeln ausgestatteten Häuser am Marktplatz. Umso froher waren wir, Swimmingpool und Sauna im Hotel zu haben. Dass wir mehr Zeit mit dem Entdecken der Stadt als in Sauna und Swimmingpool zusammen verbringen würden, hätten wir nicht gedacht.

Eine Pizzeria in einem so schönen Gebäude findet man nicht jeden Tag.

Die glücklich Beschenkte beim Fotografieren.

Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt kamen wir am Bahnhof außerhalb von Friedrichstadt an. Mit jedem Schritt in den Ortskern klappten unsere Münder weiter auf. Für die 1.000 Meter zum Hotel brauchten wir geschlagene 45 Minuten, mussten wir doch alle paar Meter stehen bleiben und die verwinkelten, bestuckten Häuser und romantischen Straßen bestaunen. Unser Hotel, direkt an einer der Grachten liegend, tat unserem Verzücken keinen Abbruch. Mit einer guten Portion Glück und der Off-Season im Rücken bekamen wir das größte, der einen Gracht zugewandte, Zimmer. Zimmer Nummer 1.

Einige Gebäude sind bis zu 400 Jahre alt.

Neben den Grachten ist die nordfriesische Stadt geprägt durch die holländische Architektur. Diese ist ein Resultat mehrerer Erlässe des Herzogs Friedrich III. im Jahr 1620, der die Stadt zu einem Handelszentrum nach holländischem Vorbild machen wollte. Den damalig einflussreichen Wasserhändlern ermöglichte er das Errichten einer Stadt mit Holländisch als Amtssprache. Viele der zum Teil heute noch im Original erhaltenen Gebäude sind mit aus den Niederlanden importierten Baumaterialien erbaut. Im Zuge des Schleswig-Holsteinischen Kriegs um 1850 wurden viele Gebäude zerstört – glücklicherweise orientierte man sich beim Wiederaufbau stark an der Architektur der holländischen Baumeister*innen.

Jedes Buch 1 Euro, Geld bitte in den Briefkasten werfen – ein Bücherschrank direkt an der Straße.


Kulturelle Angebote und eine Rund-um-Sorglos-Bespaßung bietet Friedrichstadt nicht. Das merkten wir schnell, als wir uns, im Hotel angekommen, informierten und unseren Tag planten. Zwei sehr kleine Museen und eine Modell-Eisenbahn bilden den Kern der kulturellen Attraktionen. Mit der Kamera und einem schönen November-Wetter erkundeten wir die Stadt und liefen querfeldein. Schnell wird dabei klar: Friedrichstadt benötigt keine Bespaßungsprogramme, die Stadt als solche ist das kulturelle Highlight. Und im Vergleich zu Wien oder Amsterdam ist es sogar ein Highlight, welches sich ohne Probleme an zwei Tagen zur Gänze erkunden lässt. In der Saison kann man die Stadt auch im Rahmen einer Stadtführung erkunden, die Grachten mit Tretbooten. 

Sucht man Friedrichstadt im Internet, ist das Ensemble aus den neun Häusern am Marktplatz mit Treppengiebeln allgegenwärtig. Hier starteten wir unseren Streifzug und merkten schnell, dass die Stadt auch abseits von dieser touristischen Attraktion Einiges zu bieten hat.

Auf unseren Spaziergängen entdeckten wir an vielen Häusern oft farbige Reliefs über den Eingangstüren – die sogenannten Hausmarken. Einige von ihnen sind bis zu 400 Jahre alt und wurden nach Renovierungs- oder Wiederaufbau-Arbeiten wieder angebracht. Selbst neu erbaute Häuser werden teilweise von ihnen geziert. Findet sich mal keine Hausmarke an einem Gebäude, dann jedoch sicher eine von unzähligen Klönschnack-Bänken im Vorgarten – optional mit eingebautem Fach für Bier.



Für das leibliche Wohl der Urlauber*innen ist in Friedrichstadt mehr als zur Genüge gesorgt. Das Ringhotel Aquarium lässt keinen Wunsch offen und bietet eine wohlig heimelige Atmosphäre. Richtig urig wird es, wenn man sich des Abends zum Essen in die „Holländische Stube“ oder das „Alte Amtsgericht“ begibt.

Am zweiten Tag nach einer erholsamen Nacht machten wir uns auf den Weg auch den westlichen Teil der Stadt zu erkunden. Geprägt ist dieser von einem Seitenarm der Treene, einer kleinen bebauten Insel und vielen kleinen Brücken. Auf einer dieser Brücken trafen wir zwei Damen, die mit Zeichenblock und Aquarellkästen ausgerüstet Impressionen der Stadt einfingen.


Eine von ihnen, die Künstlerin Octavia Zille, erzählte uns, dass sie schon seit2017 Urban-Sketching-Treffen in Friedrichstadt veranstaltet. Am zweiten Sonntag jeden Monats (ausgenommen Juni und August) trifft sie sich mit Interessierten und zieht umher, um die Atmosphäre der Stadt in Zeichnungen, koloriert mit Aquarell, zu bannen. Zum Abschied gab sie uns noch den Tipp, auf der Rückfahrt in Husum auszusteigen, und dem „Künstlercafé“ einen Besuch abzustatten, was wir dann auch gemacht haben. Die wirklich genial leckeren Kuchen dort waren ein toller Abschluss unseres zweitägigen Mini-Urlaubes, der sich doch so viel länger angefühlt hat.

Friedrichstadt ist ein Ort geprägt von Entschleunigung und Ruhe auf der einen, Ästhetik und besonderer Architektur auf der anderen. Alle mit einem Herz in der Brust, das für diese Dinge schlägt, werden sich in Friedrichstadt wohl fühlen. Eine Kamera und gutes Schuhwerk ist zu empfehlen, gibt es doch so viel zu sehen, zu fotografieren und zu erkunden. Wer nach zwei Tagen genug von der Stadt hat, der ist mit der Bahn innerhalb von knapp einer Viertelstunde in Husum und kann noch weitere Teile der Nordseeküste erkunden.
Für uns war der Ausflug einer der schönsten, die wir je unternommen haben. Die Entschleunigung und Ruhe, die wir gesucht haben, fanden wir in noch größerem Umfang in Friedrichstadt, als wir es angenommen hatten.

Vielen Dank an meine Freundin Annika, die am Text mitgearbeitet hat und von der einige der Fotos sind.

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