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Kieler Künstlerin findet neues zu Hause für ihre Arbeit

Vier große Fenster sind eingebettet in das alte, rote Backsteinmauerwerk des Mehrfamilienhauses aus den 70er Jahren im Kieler Stadtteil Gaarden. Sie geben Einblick in einen hellen, unvollständigen Ausstellungsraum im Erdgeschoss, denn einige Werke werden zurzeit in einer Galerie gezeigt. Drei Stufen im Ausstellungsraum führen hinauf zu einer Tür an der Rückwand. Hinter ihr befindet sich das Atelier. Auf der linken Seite sind durch das Fenster der Coworking Space „DeinRaum“ und der kulturelle Treff „die Stube“ zu sehen. Es ist nicht zu verleugnen, dass in dieser Werkstatt gearbeitet wird: Angefangene Zeichnungen liegen auf dem Schreibtisch, eine Holz-Konstruktion fixiert ein unfertiges Objekt. In der Luft liegt der angenehme Geruch von frisch gekochtem Kaffee.

Hier in den Räumlichkeiten im Kirchenweg befindet sich der Arbeitsplatz der Künstlerin Constanze Vogt. Die 35-Jährige ist Absolventin der Muthesius Kunsthochschule Kiel und Trägerin des Gottfried-Brockmann-Preises, dem renommiertesten Kunstpreis Kiels. Das Ladengeschäft gehört der Baugenossenschaft Mittelholstein eG, die es an die Stadt Kiel verpachtet. Die Stadt Kiel wiederum vermietet das Ladenlokal im Rahmen des städtischen Entwicklungsprogramms „Gaarden Hoch 10“ günstig an Kunst- und Kulturschaffende unter. Ziel ist es, den Stadtteil aufzuwerten und leerstehende Räumlichkeiten zu retten. An einem warmen Sommernachmittag im August habe ich Constanze Vogt in ihrem Atelier besucht und mit ihr über ihren neuen Arbeitsplatz, ihre Kunst und Zukunftspläne gesprochen.

Constanze Vogt Atelier bgm

Liebe Constanze, du arbeitest seit Mai 2019 in dem Atelier. Wie hast du dich eingelebt?

Ich bin von den Räumlichkeiten genauso begeistert wie am Anfang. Da ich vorher ein Jahr lang in meiner Wohnung gearbeitet und auch die Sachen dort gelagert habe, ist das hier viel besser.

Und was begeistert dich an dem Atelier?

Zu erst einmal sind 100 Euro Miete plus Nebenkosten ein unschlagbarer Preis. Einen Raum in dieser Größe könnte ich mir sonst nicht leisten. Dann gefällt mir, dass beide Zimmer sehr hell sind. Meine Werkstatt liegt im Hochparterre, sodass ich dort in Ruhe arbeiten kann. Für meine künstlerische Arbeit brauche ich einen Rückzugsraum mit Privatsphäre. Toll finde ich auch, dass ich in dem Stadtteil, in dem ich gerne lebe, zeigen kann, was ich mache. Ich wohne nur eine Minute zu Fuß von hier. Ab und zu kommen auch mal fremde Leute vorbei und fragen, was ich tue. So ergeben sich oft schöne, unerwartete Begegnungen.

Als Künstlerin bist du relativ frei in deiner Arbeit ohne feste Zeiten oder strikte Vorgaben. Wie kann ich mir deinen Arbeitsalltag vorstellen?

In bestimmten Phasen versuche ich mir eine Struktur zu schaffen, durch die ich regelmäßig um die acht Stunden in meinem Atelier verbringen und arbeiten kann. Während meiner Zeit in der Wassermühle Trittau als „Artist in Residence“ habe ich mich beispielsweise ganz meiner Arbeit gewidmet. Dabei habe ich als Stipendiatin der Sparkassen-Kulturstiftung Stormarn zwölf Monate in einer alten Wassermühle gearbeitet und gelebt. Da ich dort keine anderen Verpflichtungen hatte, war ich fast rund um die Uhr im Atelier. Nur sonntags habe ich mir freigenommen. Das mache ich, wenn es möglich ist, immer so.

Meine Arbeitszeit kann allerdings auch anders sein, weil künstlerische Arbeit bedeutet, viel unterwegs zu sein, um auszustellen und Kontakte zu knüpfen. Seitdem ich wieder in Kiel bin, bin ich mehr unterwegs. Ich habe zum Beispiel eine feste Galerievertretung in der Berliner Galerie mianki. Dort war ich letzte Woche zum Aufbau und zur Eröffnung. Außerdem arbeite ich gerade an einem Projektstipendium der Muthesius Kunsthochschule, bei dem ich einen forschenden Ansatz verfolge, der zwischen praktischer und theoretischer Arbeit liegt. Ich erhalte Geld zum Leben und für Material. In meinem Projekt erstelle ich einen Zettelkasten meiner künstlerischen Materialien und Verfahren und beschäftige mich mit philosophischen und lyrischen Texten. Dieser Arbeit kann ich fast überall nachgehen. Deshalb mache ich es mir ab und zu in dem großen Hinterhof des Hauses gemütlich, um unter den Kirschbäumen zu lesen und zu schreiben. Die Atmosphäre ist dort toll. Ich genieße es, mich zurzeit so frei bewegen zu können. Gedanklich hört meine Arbeit nie auf. In diesem Sinne habe ich nie „frei“, denn die besten Ideen kommen mir beim Spazierengehen oder im Schlaf.

Ich muss sagen, dass ich sehr dankbar dafür bin, mich als freie Künstlerin voll und ganz meiner Arbeit widmen zu können und mich nicht mit vielen anderen Jobs über Wasser halten zu müssen. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ich sehr viel investiere und zurückgebe. Meine Werke sind gut und ich richte mein Leben darauf aus, dass ich weiter arbeiten kann.

Constanze Vogt Kuenstlerin

Constanze Vogt auf einer Vernissage mit ihrem Werk „reifen“.

Woher kommt deine Motivation für deine Arbeit?

Für mich ging es nie darum, mit meiner Kunst konkrete Bilder oder Bedeutungen zu erzeugen. Da wir im Alltag eh überreizt sind von Bildern, wollte ich dem nicht noch etwas hinzufügen. Alles, was uns umgibt, ist irgendwie schon normiert und gestaltet. Meinen Bereich sehe ich in abstrakten Bildern, die mich überraschen. In Arbeiten, die Zwischenräume betonen und einen Raum zum freien Wahrnehmen und Denken und öffnen. Wie zum Beispiel mein Werk „nähte“, bei dem ich Fotopapier benäht habe, sodass das Papier unter der Naht immer wieder zerstört wurde und am Ende zu Stoff geworden ist. Mich interessiert der Übergang von der Zerstörung zur neuen Textur. Ich mag den Gedanken, dass das Papier seine Funktion als Bildträger verliert und in seinen Möglichkeiten sichtbar wird. Indem ich es benäht und zerstört habe, hat sich eine Transformation vollzogen. Dadurch entstand etwas Neues, das an etwas Anderes erinnert. Diese Arbeit war ein langer Prozess, weil sich das Material nach und nach verwandelt.

Das heißt, du brauchst lange für deine Kunstwerke?

Ja, dieser zeitliche Prozess ist mir sehr wichtig. Meine Arbeiten brauchen viel Zeit. Ich finde, die Zeitlichkeit spürt man in jedem meiner Werke. Sie ist sozusagen Inhalt und Thema der Arbeit.

Deine Kunstwerke bestehen oft aus Alltagsmaterialien wie Naht oder Bleistiftspäne. Wie kommen dir die Ideen für deine Arbeiten?

Was meine Arbeiten gemeinsam haben ist, dass ich aus der Linie oder der Fläche heraus etwas Körperliches, Räumliches erzeuge. Ich nutze dafür bewusst Alltagsmaterialien, die in meiner Arbeit ihren Zweck verlieren. Mich interessiert das Prinzip von Wiederholungen und der Umstand, dass jede Wiederholung anders ist. Oft übersetze ich eine Arbeit in die nächste. So übersetze ich durch das Werk „reifen“ beispielsweise meine Zeichnungen in den Raum.

Mein Werk „span“ zeigt die Unterschiede in den Wiederholungen sehr deutlich. Jeder Span sieht anders aus. Bei „span“ habe ich die Späne von schwarz durchgefärbten Bleistiften mit Nadeln an einer Wand aufgereiht. Die Idee kam mir beim Schreiben, als ich den Bleistift angespitzt habe, da mich das Prinzip von Drehungen generell interessiert. Span ist ein spannendes, vielseitiges Material. Die Wandinstallation der Späne sieht von weitem wie eine Wandzeichnung aus, gleichzeitig ist jeder Span wie eine kleine, fragile Skulptur. Auch in meinen Fadenobjekten treffen sich zeichnerische und skulpturale Elemente. Im Großen und Ganzen geht es in meiner Arbeit um Möglichkeiten einzelner Medien und eine Art Möglichkeitsspielraum zwischen ihnen. Jede Arbeit führt bei mir zu einer anderen. Das Problem einer kreativen Blockade habe ich nicht. Mein Problem ist eher, dass ich zu viele Ideen habe und zwei Leben brauche, um alle meine Ideen umsetzen zu können. (lacht)

Zum Abschluss: Du beginnst ab Oktober 2019 ein neues „Artist in Residence“ Stipendium in Reutlingen bei der HAP Grieshaber Stiftung. Du wirst für zehn Monate in Reutlingen leben und arbeiten. Wie ist das für dich mit 35 Jahren so häufig deinen Lebensmittelpunkt zu wechseln?

Ich denke, heute ist es nicht nur für den Beruf als Künstlerin selbstverständlicher geworden, oft unterwegs sein zu müssen. Viele Menschen, gerade im kreativen Bereich, pendeln und leben nicht dort, wo sie arbeiten. Ich gebe zu, dass häufig zu reisen anstrengend sein kann. Gleichzeitig habe ich dadurch eine große Freiheit. In einigen Residenzstipendien lerne ich großartige, neue Menschen kennen. In anderen Arbeitsaufenthalten bin ich eher alleine. Manchmal ist das nicht einfach. Die Zurückgezogenheit brauche ich aber auch. Teilweise ist sie sogar die Voraussetzung für meine Arbeit. Ich merke schnell, dass es mir fehlt, wenn ich nicht arbeite. Es ist dann so, als hätte ich Liebeskummer – dann zieht es mich wieder ins Atelier.

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