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Moin statt Servus – Umzug von Bayern nach Schleswig-Holstein

Als Franzi 2014 auf dem Musikfestival Rock im Park ihren zukünftigen Mann kennenlernte, hätte die Bayerin niemals gedacht, zwei Jahre später in einem Haus in Schleswig-Holstein zu wohnen. Franzi benutzt Wörter wie „arg“, „Semmel“, „Buben“ oder „bissle“. Auch wenn sie oft darauf angesprochen wird, versucht sie sich sprachlich nicht vollkommen anzupassen. Sie ist stolz auf ihre bayrische Herkunft. Im Interview mit mir berichtet sie von der Umstellung, von dem südlichsten in das nördlichste Bundesland Deutschlands umzuziehen und davon, wie sie in Schleswig-Holstein ihr neues Zuhause gefunden hat.

Liebe Franzi, du bist mittlerweile mit einem Norddeutschen verheiratet und hast dein Leben in Nürnberg hinter dir gelassen. Wie kam es damals zu dem Entschluss, nach Schleswig-Holstein zu ziehen?

Dass ich irgendwann hierherziehen würde, war immer klar. Darüber haben mein Mann und ich nie richtig gesprochen. Jedenfalls kann ich mich nicht an den Zeitpunkt erinnern, zu dem es hieß „Okay, ich ziehe zu dir“.

Wieso?

Ich sage immer: Eine Krankenschwester zieht leichter um als 200 Kühe – mein Ehemann hat einen Milchviehbetrieb. Im März 2016 habe ich meine Fachweiterbildung für Intensiv- und Anästhesiepflege abgeschlossen und hätte mich eh auf eine neue Stelle bewerben müssen. Ich hielt es für sinnlos, irgendwo nur für eine kurze Zeit anzufangen. Also bin ich nach Schleswig-Holstein gezogen. Jetzt arbeite ich in Teilzeit auf der Intensivstation einer Klinik in Rendsburg. Neben der Arbeit kümmere ich mich um unseren Sohn, der im Juli 2017 geboren wurde.

Norddeutschland Strand Kuehe

Was war am Anfang die größte Umstellung für dich?

Es war schön, nicht mehr das Gefühl zu haben, am nächsten Morgen wieder gehen zu müssen, sondern endgültig angekommen zu sein. Auch war es toll, nun ein richtiges Zuhause für die Zukunft zu haben. Mir war immer klar, dass ich meine Kinder nicht in einer Wohnung in Nürnberg großziehen möchte, sondern in einem Haus mit Garten. Dass es ein Haus mit Garten in Schleswig-Holstein werden würde, war jedoch nicht geplant. Das Haus von meinem Mann war bei meinem Einzug auch noch eine richtige Junggesellenbude. Ich habe dann erst einmal alles auf den Kopf gestellt. Aufgeräumt, dekoriert, geputzt, gestrichen. Er hört es aber nicht gerne, wenn ich das so erzähle. (lacht)

Einrichtung Familie Bauernhof

Nun sind drei Jahre nach deinem Umzug vergangen. Was vermisst du besonders?

Natürlich vermisse ich meine Familie. Meine Eltern, meine beiden Schwestern und meine fünf Nichten und Neffen, die sehe ich leider nur alle paar Monate. Außerdem habe ich gemerkt, wie sehr ich meine Freundinnen vermisse, die ich schon ewig kenne. Solche Freundschaften sind von großem Wert. Das realisiere ich besonders, seitdem ich weit weg wohne.

Und von Familien und Freunden abgesehen?

Ich vermisse einige Backwaren, Lebensmittel und Bräuche. Zum Beispiel kann hier keiner vernünftige Brezen backen. Butter-Brezen, mit Butter gefüllte Brezen, gibt es hier einfach nicht. Total schade. Den Sinn von den halben belegten Brötchen, die die Bäcker hier anbieten, habe ich noch nicht erkannt. Dann vermisse ich noch die bayrischen Biergärten und Wirtshäuser. In Bayern hat jedes Dorf ein gescheites Wirtshaus, in dem sich die Dorfgemeinschaft trifft. Das fehlt in Schleswig-Holstein. Außerdem vermisse ich die sonntäglichen Kirchengänge. Als gläubige Katholikin bin ich in Bayern regelmäßig in die Kirche gegangen. Das ist dort ganz normal. Am Anfang habe ich das hier auch ab und zu gemacht aber mit der Zeit ist das weniger geworden, weil alleine zu gehen einfach nicht dasselbe ist. Mir ist auch aufgefallen, dass die religiösen Traditionen und Feiertage in Bayern einen viel größeren Stellenwert haben. Am Karfreitag würde beispielsweise niemand Fleisch essen. Meine Mutter musste in ihrer Schulzeit jeden Tag vor der Schule eine halbe Stunde lang in den Gottesdienst. Wenn man bedenkt, dass das erst 45 Jahre her ist, finde ich das erstaunlich.

Brezel und Anker

Gibt es außer den religiösen Traditionen noch mehr Bräuche, die wir in Schleswig-Holstein nicht haben?

Ja, in Bayern gibt es eine große Faschingstradition. In meinem Heimatdorf wird zum Fasching immer einen riesen Umzug veranstaltet, zu dem wir uns jedes Jahr eine neue Verkleidung ausdenken. Dazu finden wir uns in Gruppen zusammen, die sich thematisch abstimmen. Dieses Jahr war das Thema meiner Gruppe beispielsweise „Zirkus“. Ich bin als Popcorn-Verkäuferin gegangen mit einem Popcornwagen. Auch die Hochzeiten laufen anders ab. Das war einer der Gründe dafür, weshalb wir in Bayern geheiratet haben. Heiraten dort ist mehr ein Ganztags-Event. Die Trauung findet morgens in der Kirche statt, danach gibt es Mittagessen, dann folgt Kaffee und Kuchen, wenn alle satt sind, wird die Braut entführt und die ganze Hochzeitsgesellschaft folgt ihr. Wenn die Braut gefunden wurde, wird für zwei bis drei Stunden an einer anderen Location weitergefeiert, bis es zum Abendbrot wieder in die Gaststätte geht. Danach wird bis spät in die Nacht getanzt. Alle Hochzeitsgäste, die aus Norddeutschland angereist sind, hatten so etwas noch nie erlebt und waren total begeistert. Alle haben noch Wochen danach davon geschwärmt.

Fasching in Bayern

Genug über Bayern geredet. Gibt es irgendetwas in Schleswig-Holstein, das es dort nicht gibt?

Ich habe neue Wörter und Redewendungen dazugelernt. So norddeutsche Wörter wie „pischen“ oder „schnacken“ finde ich einfach cool oder die Redewendung „um den Pudding gehen“ kannte ich vorher auch nicht. Die habe ich mir schnell angewöhnt. Auch seltsam ist, dass hier alle den Artikel weglassen. In Bayern heißt es „in die Arbeit gehen“ oder „die Franzi“. Wir packen vor jedes Wort einen Artikel, koste es was es wolle. Bei der Arbeit im Krankenhaus habe ich am Anfang mit meinen Uhrzeitangaben für Verwirrung gesorgt. Wenn ich „Viertel 9“ sage, meine ich 8.15 Uhr, wenn ich „Dreiviertel 9“ sage, meine ich 8.45 Uhr. Das irritiert hier in Schleswig-Holstein viele.

Zu guter Letzt: Was magst du besonders an deiner neuen Heimat Schleswig-Holstein?

Zwischen den Meeren zu leben finde ich super. Leider komme ich viel zu selten ans Meer. In Bayern ist es allerdings genauso, dort war ich auch nur zweimal im Jahr in den Bergen zum Skifahren. In der Grundschule habe ich mich übrigens mal bei meinem Lehrer beschwert, dass Deutschland leider nicht am Meer liegt – da ging mein Horizont wohl noch nicht über Bayern hinaus. Besonders begeistert bin ich auch von dem norddeutschen Humor. Es wird mehr Quatsch geredet als in Bayern. Dort diskutieren die Leute im Wirtshaus beispielsweise eher über Politik und ernste Angelegenheiten. Hier werden viele lockere Sprüche gemacht. Diese entspannte Mentalität gefällt mir.

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