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„Nun sollen wir mal sehen und kommen los.“ – Flensburg und Petuh

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„Sünde!“ Das höre ich öfter, seit ich in Flensburg lebe, schön mit scharfem s gesprochen. Ab und zu rutscht es mir selbst inzwischen raus. Auch „Was’n Aggewars“ habe ich mich schon seufzen hören, wenn einfach alles ein bisschen zu viel wurde. Die Begriffe stammen aus dem Petuh – einer Mischung aus Dänisch, Deutsch, Plattdeutsch und Sønderjysk (Plattdänisch). Und weil so ein Blog immer ein guter Anlass ist, Dingen auf den Grund zu gehen, habe ich mich zu einer Petuh-Führung angemeldet. Um 14 Uhr geht es los, mit Petuh-Tante Emmi Hansen auf Altstadttour, gebucht über die Tourismus Agentur Flensburger Förde. Ich bin gespannt!

Verräterisch: Ein altmodischer Rock lugt unter dem Mantel der Stadtführerin hervor.

Ruth Rolke begrüßt die Gruppe. Mit 13 Leuten sind wir heute unterwegs – zum Glück bei trockenem Wetter. Die Stadtführerin trägt einen dunklen Mantel, unter dem verräterisch ein altmodischer langer Rock hervorlugt. An ihrem Arm baumeln eine kleine schwarze Handtasche, ein altertümlicher Regenschirm und eine Papiertüte, die erst einmal nicht so recht ins Bild passen will. Schnell wird klar: Diese Tüte hat im doppelten Wortsinn eine tragende Rolle, denn darin steckt „Emmi Hansen“, genau genommen ihr Hut. Für Ruth Rolke ist Emmi Hansen ihr Alter Ego: „Wenn ich den Hut aufsetze, bin ich jemand anderes“, sagt sie. Dann ist sie eine rigorose ältere Dame aus der Kaiserzeit, die gern Döntjes erzählt und ein bisschen „schludert“, also tratscht – und zwar auf Petuh. So wechselt die Führung zwischen Flensburger Stadtgeschichte mit Ruth Rolke und Flensburger Stadtgeschichten mit Emmi Hansen.

„Emmi Hansen“ erzählt Flensburger Geschichten

Seit acht Jahren ist Ruth Rolke als Emmi Hansen unterwegs. Zwar ist die 64-Jährige in Holstein geboren, lebt aber seit 1976 in Flensburg. Seit 15 Jahren ist sie als Stadtführerin selbständig. Rolke: „Das Petuh ist mir so zugeflogen.“ Entstanden sei diese wilde Sprachmischung zu Zeiten „der großen deutsch-dänischen Sprachverwirrung“ sagt sie. Gemeint sind die Jahre der deutsch-dänischen Grenzkonflikte zwischen den 1840ern und den 1920ern. Petuh hat nicht nur ganz eigene Begriffe, sondern auch eine erst einmal befremdlich anmutende Satzstellung. Rolke hat sich diese ganz eigene Flensburger Sprachmischung unter anderem anhand von Büchern und CDs selbst beigebracht.

Die „Alexandra“: Hier genossen die Petuh-Tanten ihre „kleinen Auszeiten“ mit Freundinnen.

Die Bezeichnung „Petuh“ kommt übrigens von „carte passe partout“, erzählt Ruth Rolke. So hieß in der Kaiserzeit die Jahreskarte für die Salondampfer auf der Ostsee. Da verbrachten die Damen der Mittelschicht ganz gern mal ein bisschen Freizeit, „ein kleines Vergnügen“ mit ihren Freundinnen. An den Wochenenden kamen auch die Männer mit, verzogen sich aber schnell zum Skatspielen unter Deck. Ein bisschen Atmosphäre schnuppern kann man in Flensburg heute noch, auf der „Alexandra“, dem letzten seegehenden Passagierdampfschiff Deutschlands.

Mit Wollmütze passe ich zwar nicht in die Kaiserzeit, aber die „Alex“ ist schon einmal die passende Kulisse.

Auf der Führung „schludert“ Emmi Hansen über Flensburger Originale, und trotz der ungewohnten Satzstellung und einiger fremd klingender Worte verstehe ich fast alles. Nach eineinhalb Stunden schlendere ich gemütlich zurück nach Hause, vorbei an der „Alex“, die im Flensburger Hafen auf ihre Sommertouren wartet. Mit Wollmütze und Trekkingjacke passe ich zwar nicht so recht ins Bild der Petuh-Tanten, aber mitfahren möchte ich dieses Jahr auch einmal wieder. Und wehe, so ein „Frauenzimmer“ sitzt auf „meinem“ Platz. Dann halte ich mich an Emmi Hansen und werde das gleich mal klarstellen – natürlich auf Petuh: „Beste, das is` mein Platz, Sie sitzen auf!“ oder „Deern, flütt mal‘ büschen auf Bank lang.“

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