Sign up with your email address to be the first to know about new products, VIP offers, blog features & more.

Müllfreier Mittwoch: Die neue Kultur der Reparatur

Es ist einfach traumhaftes Herbstwetter als ich mich mit dem Rad zum Ideenreich der Hochschule Flensburg aufmache. In der Fahrradtasche steckt die Schreibtischlampe einer Freundin, ein altes Liebhaberstück, nur leider kaputt: Statt Licht zu verbreiten, verteilt sie auf Knopfdruck munter kleine Stromschläge. Angekommen auf dem Campus an Container 13 stelle ich überrascht fest: Trotz des sonnigen Tages bin ich nicht die Einzige. Eine Gruppe Menschen wartet schon vor dem Tresen. Dahinter steht eine junge Frau in geringeltem Shirt. „Was ist denn bei Ihnen kaputt?“, fragt sie einen älteren Herrn. Nach und nach kommt raus: Vor mir stehen die Besitzerinnen und Besitzer von einem Drucker, der nicht druckt, einer Videokamera mit eingeklemmter Taste, einem defekten Smartphone und einem Bügeleisen mit Knick im Stromkabel. „Wir sind hier alle ein bisschen getrieben von der Wegwerfgesellschaft“, erklärt Dr. Ing. Torsten Steffen. Der Professor der Hochschule Flensburg ist einer der Initiatoren des Reparatur Cafés im Flensburger FabLab Ideenreich (www.hs-flensburg.de, Stichwort Ideenreich). „Viele Dinge, die weggeworfen werden, sind noch zu reparieren“, sagt er.

Sechs bis sieben Reparateure arbeiten im Flensburger Reparatur Café – freiwillig, in ihrer Freizeit. Jeden zweiten Sonnabend im Monat, 14 bis 17 Uhr, sitzen sie in Container 13. Reparateure und „Kunden“ beugen sich gemeinsam über das defekte Gerät, diskutieren, schrauben, kleben, ölen. Die Reparatur ist kostenlos, geholfen wird gegen Spenden, die zum Beispiel für Verbrauchsmaterial eingesetzt werden. Eine, die schon fast zu den „Stammkunden“ gehört, ist Elke Rönnau. „Ich finde das Angebot toll“, sagt sie. Eine Kaffeemaschine, ein Bügeleisen, eine kleine Stereoanlage und einen Fahrradkorb hat sie schon hergebracht. Das meiste funktioniert wieder.

 

Auch eine Fixierschiene in ihrem Handyportemonnaie ist wieder einsatzfähig. Dirk Feyerabend hatte eine gute Idee, wie er die Funktion der defekten Feder auf einer Seite der Schiene ersetzen kann: Zwei-Komponenten-Kleber lautet eines der Lösungsworte. Feyerabend ist einer der festen Ansprechpartner für das Ideenreich und gehört zum fachlich kompetenten Stammpersonal. „Ich finde es auch interessant, hier Geräte zu reparieren, die man sonst vielleicht nicht in die Hand bekommen hätte.“ In Ausnahmefällen, zum Beispiel, wenn Ersatzteile nicht mehr geliefert werden können, kommen auch die 3D-Drucker aus dem FabLab zum Einsatz. Das Reparatur Café im Flensburger Ideenreich profitiert von der räumlichen Einheit mit dem FabLab, in dem zusätzliche offene Zeiten angeboten werden – allerdings nicht zum Reparieren.

Reparatur Cafés, Reparatur-Treffs, Reparier-Bars und Repair Cafés gibt es inzwischen viele. Die Kultur der Reparatur wird zum Beispiel auch in Lübeck bei lübeck-repariert (www.luebeck-repariert.de) gepflegt, einer losen Gruppe von Reparateuren. Ob in Flensburg, Lübeck, Plön, Glücksburg, Neumünster, Kiel, Schleswig, Mölln oder anderswo, die Devise ist überall gleich: reparieren statt wegwerfen. „Das lohnt sich nicht. Neu kaufen ist billiger“ – eine Aussage, über die ich mich selbst schon oft genug geärgert habe, wird hier nicht einfach so stehen gelassen. Dabei geht es in den offenen Werkstätten nicht in erster Linie darum, dass die einen ihre kaputten Geräte bringen und die anderen sie reparieren. Es geht darum, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. „Wir wollen den Leuten zeigen, wie sie Dinge selbst reparieren oder Reparaturen vielleicht auch verhindern können“, sagt Steffen. Die Nachfrage nach dieser Form des aktiven Protestes gegen die Wegwerfgesellschaft steigt, weshalb sich fast alle Reparaturcafés auch über weitere Bastler mit guten Ideen freuen, die als Reparateure mitmachen.

Wer selbst reparaturbedürftige Alltagsgegenstände zuhause herumliegen hat, kann sich zum Beispiel unter www.reparatur-initiativen.de informieren, wo in der Nähe ein Reparaturcafé dazu einlädt, mit Fachleuten an der Seite selbst zum Werkzeug zu greifen.

Übrigens: Die Schreibtischlampe meiner Freundin verteilt weiterhin Stromschläge. Ich hatte mich nicht angemeldet, es war einfach zu voll und gab zu viel zu gucken. Keine Frage: Ich komme wieder. Mit dem Reparatur-Virus angesteckt, stopfe ich bis dahin meine Socken… 

Noch keine Kommentare vorhanden.

Und was meinst du?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.