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Anderes Alter, anderer Blickwinkel

Ich stamme aus einem kleinen Dorf, am Rande Kiels. Wir – also meine Eltern und ich – zogen dort hin, als ich um die vier Jahre alt war. Davor hatten wir noch weiter draußen auf dem Dorf gelebt – Molfsee war damals also schon eine recht stadtnahe Entscheidung. Ich erinnere mich, dass ich eine Kindheit hatte, die ich vielen heutigen Kindern wünschen würde. Ich war viel im Garten, streunerte mit Freunden durch die Wälder, gründete Tierschutzvereine mit meinen Freunden, wir zogen mit dem eigens dafür angepinselten Bollerwagen durch’s Dorf und retteten Tiere, die vermutlich auch allein klargekommen wären.

Ich hatte eigentlich immer eine Katze, als Kind kamen dann noch Fische und ein paar Kaninchen dazu, ich pflegte mit viel Herzblut die Esel im Freilichtmuseum und hatte später noch mein eigenes Pflegepferd, auf das ich sehr stolz war.

Diese Liebe zur Natur ist mir eigentlich immer erhalten geblieben, aber die Prioritäten über einen guten Wohnort verschoben sich dann doch mit zunehmendem Alter. Es fing glaube ich in etwa an, als ich aufs Gymnasium nach Kiel gekommen bin. Während einige meiner Klassenkameraden entspannt zu Fuß zur Schule gehen konnten (deren Wecker klingelte so in etwa um 7:00), musste ich mich morgens um 7:00 schon mit anderen Kindern um die besten Plätze im Bus prügeln und im Winter bei feucht-klammer und im Sommer bei stickig heißer Luft wie Sardinen in einer Büchse den Weg nach Kiel antreten. In solchen Momenten – und auch dann, wenn der Lehrer nach der 7. Stunde mal wieder überzogen hatte und man deswegen eine Stunde auf den nächsten Bus warten musste – verfluchte ich meine Eltern insgeheim dafür, dass wir so weit draußen wohnen mussten. Wobei „weit draußen“ im Vergleich zu Mitschülern aus Kirchbarkau und Schierensee auch relativ war. Aber wie das eben so ist, mit der beginnenden Pubertät ist man der absolute Mittelpunkt des Universums.

Freizeit auf dem Dorf war damals aber noch immer schön. Ich hatte mein Pflegepferd, Reitsunden, hatte meine Esel und wir retteten nach wie vor mehr oder weniger erfolgreich die Umwelt.

Dann aber kam das Teenageralter. Man war jetzt cool, wollte feiern gehen. Die Nacht zum Tag machen und so weiter. Blöd nur, wenn der letzte Bus auf dieses verfluchte Dorf um 23:50 fährt, der erste aber erst um 6:50. Ich begann die Tatsache, dass ich auf diesem Dorf wohnen musste, an den Abfahrtzeiten der Busse zu messen und damit konnte das Dorf leider nur verlieren. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich in der Stadt und fand das Dorf irgendwie doof. Fühlte mich eingeengt und von den Blicken neugieriger Nachbarn beäugt.

Inzwischen wohne ich in der Stadt, meine Eltern und meine Katze leben aber nach wie vor in Molfsee. Und immer, wenn meine Eltern in den Urlaub fahren, dann muss jemand auf diese Katze aufpassen. Und das bin ich. Und inzwischen bin ich wieder in einem Alter, in dem ich andere Maßstäbe ansetze, als die Abfahrtzeiten der Busse. Ich glaube, ich könnte noch immer nicht gänzlich auf dem Dorf leben, aber  diese einzelnen Wochen auf dem Land beginne ich wieder mehr und mehr zu schätzen. Ich genieße es morgens in aller Ruhe mit meinem Kaffee durch den Garten zu spazieren und mir für mein Mittagessen Kräuter, Frühlingszwiebeln und Tomaten selbst zu ernten (ok, dank meines Hochbeetes geht das auch in der Stadt, aber natürlich nur in kleinen Mengen), einfach mal kurz im Wald spazieren zu gehen und die Ruhe, ach, diese Ruhe. Keine hupenden Autos, Schlagbohrer oder ähnliches. Herrlich. Und mit dem Bus zum Bahnhof fährt man auch gerade mal 12 Minuten, was fand ich daran eigentlich so schlimm. Geht doch voll klar.

Und ich finde es schön, dass man hier noch seine Nachbarn kennt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als ich mich hier im Mehrfamilienhaus bei den Nachbarn vorgestellt habe (weil man das ja so macht), wurde ich komisch angeschaut. Die Kommunikation scheint heutzutage nicht mehr über „Hallo, Sie haben ein Paket für mich angenommen, ich würde das gern abholen.“ „Ja, genau das kleine da vorne, dankesehr“ hinaus zu gehen. Das ist doch irgendwie schade. Auf dem Dorf schaut jeder mal nach dem Haus des anderen und man passt noch ein wenig aufeinander auf. Was für mich früher unangenehm war, empfinde ich jetzt als angenehm.

Was ich mit all dem sagen will? Ich finde es faszinierend, wie sich die Maßstäbe, die man im Leben an Dinge anlegt sich verschieben und wie in verschiedenen Lebensphasen immer wieder andere Dinge ins Zentrum des Interesses rücken und wie etwas, das vor ein paar Jahren noch doof war, plötzlich ein Idyll sein kann. Geht euch das auch manchmal so?

 

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