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Von Einer, die auszog, ein Haus zu verzaubern

Neun Fragen an Maria von Randow, Patronin des Gasthofs „Alt Sieseby von 1867“

 

Ein regnerischer Sommertag im August. Ich bin verabredet mit Maria von Randow. Nach zehn erfolgreichen Jahren als Pächterin des Riesby-Krogs in Rieseby ist die die Köchin und Gastronomin im April ein Dorf weiter nach Sieseby umgezogen. In ihr eigenes Haus, das einem selbst bei diesem Wetter schon vor dem Ortseingang des Schleidorfs durch die Bäume entgegenleuchtet. Dass der Gasthof Alt Sieseby von 1867 in neuem Glanz erstrahlt, hat der Bau seiner neuen Besitzerin zu verdanken. Neun Monate lang dauerten die Umbauarbeiten, bei denen kaum ein Stein auf dem anderen blieb. Jetzt können Marias Gäste nicht nur ihre frische regionale Küche genießen. Fünf Doppelzimmer und eine Familiensuite laden ein, länger als einen Abend zu bleiben. Ich treffe Maria im Restaurant, ihrem „Wohnzimmer“, wie sie mir im Laufe des Gesprächs erklären wird. Wir haben uns 2015 näher kennengelernt, als sie mein Projekt Blind Dates – kulinarische Interventionen für Syrien, mit unterstützt hat. Seitdem sind wir beim „Du“.

 

 

 

Neue Etage: Wie war das eigentlich, wie bist Du auf dieses Haus gekommen?

Maria von Randow: Das war gar nicht ich, das war mein Freund Hanna Saliba! Er wusste, dass ich gerne etwas Eigenes haben wollte. Eines Tages kam er zu mir in den Riesby Krog und erzählte von dem Haus. Es stand allerdings weder leer noch war es zu verkaufen. Aber er meinte, es sei das schönste Haus in der ganzen Gegend und toll gelegen. „Versuch doch mal, es zu kaufen“, riet er mir. Ich wäre darauf nie gekommen und hab‘ mich auch erstmal gar nicht darum gekümmert. Aber Hanna hat immer wieder nachgebohrt. Und dann habe ich irgendwann doch Kontakt zu dem Besitzer aufgenommen. Herr Erich winkte zunächst ab. Das Haus sei seit drei Generationen im Familienbesitz. Das werde nie verkauft! Aber vier Monate später hatte er es sich anders überlegt und so kam alles ins Rollen. Ich hab’ das dann einfach gemacht. Ich wollte ja immer ein eigenes Haus, für meine Arbeit jetzt, aber auch für meinen Lebensabend irgendwann einmal.

 

 

Neue Etage: Ganz so leicht hat es dir das Alt Sieseby zunächst dann erstmal nicht gemacht. Du hast einen wahren Umbaumarathon hinter dir, den du sehr offen und persönlich auf deinem Blog festgehalten hast. Du schreibst auf deiner Seite, du möchtest deinem Haus seine Würde wiedergeben. Was meinst du damit?

Maria von Randow: Du hättest mal sehen sollen wie es aussah, das arme Ding! Ganz furchtbar! Es war ja überall angeflickt. Am Ende haben wir hier jeden Stein einmal bewegt – und damit immer wieder neue Baustellen aufgemacht. Zwischendurch gab es Phasen, da hätte ich nie gedacht, dass es mal so schön wird. Aber wir haben uns aller maroden Stellen angenommen und versucht, dafür eine Lösung zu finden. Als die alten Fliesen hier im Gastraum zum Vorschein kamen, war das eine große Freude. Das Dach komplett neu machen zu müssen, weniger. Einmal habe ich einen der alten kaputten Balken gerettet, der zwar keine Wand mehr tragen konnte, aber nun in einem der Gästebäder verbaut ist. In diesem Haus, seinem Gebälk, seinen Mauern, steckt ja eine lange Geschichte, die wollte ich ernst nehmen. Und jetzt haben wir angefangen, eine neue zu schreiben.

 

 

Neue Etage: Wie war dein Abschied vom Riesby Krog nach all den Jahren?

Maria von Randow: Easy! Rausgeräumt, weggegangen. Ich kann mich gut verabschieden, gut zu neuen Ufern aufbrechen. Ich hatte – und habe – ja auch Großes vor!

Neue Etage: Umziehen in eine andere Wohnung kennt fast jeder. Aber wie zieht man denn ein ganzes Restaurant um?

Maria von Randow (lacht): Tja, nicht mit einer Firma, sondern mit vielen Freunden. Ich habe so viel Unterstützung bekommen, das war einfach toll! Wir hätten fast eine Kette machen können – es sind ja nur sieben Kilometer von Rieseby nach Sieseby. Privat war ich schon im September 2016 hierher in meine Dachwohnung gezogen. Hier wurde noch weiter um- und ausgebaut und parallel dazu haben wir bis 14 Tage vor unserer Eröffnung in Rieseby weitergearbeitet.

Neue Etage: Hast du dich schon eingelebt?

Maria von Randow: Eigentlich ja. In den eigenen vier Wänden ist viel Platz für Individualität. Das hier (breitet die Arme in den großen, offenen Gastraum aus) ist ja so etwas wie mein Wohnzimmer geworden. Was man hier im Raum sieht, sind viele Dinge aus meinem persönlichen Leben: Das Gedicht, das mein Vater für mich geschrieben hat zum Beispiel, Skulpturen meiner Tochter, meine gesammelten Backformen vom Flohmarkt in Lyon, Ölbilder und Aquarelle, die meine Großmutter Anilori gemalt hat. Nach ihr ist auch ein Gästezimmer benannt, das, wo der Schlüssel ein bisschen klemmt … Es ist schon ein sehr persönliches Haus geworden, das findest du in vielen Details, auch in den Zimmern. Meine Gäste sollen sich hier willkommen und zuhause fühlen. Ich möchte, dass sie hier glücklich sind – dass es bei uns dann auch noch gut schmeckt, ist natürlich eine Selbstverständlichkeit. Jetzt muss ich nur noch eine Restaurantleiterin oder einen Restaurantleiter finden, dann lasse ich auch das „eigentlich“ weg. Es ist ein wunderschöner Arbeitsplatz, aber anders als Rieseby nur mit dem Auto zu erreichen. Ich bin also viel mehr als Gastgeberin sichtbar als früher.

 

 

Neue Etage: Was erwartet deine Gäste im Hotel?

Maria von Randow: Sehr gute Betten, feinste Leinenbettwäsche aus Polen, ein wunderbares Frühstück, kein Handyempfang. Das war allerdings keine Absicht, das ist hier einfach so. Die Zimmer haben WLAN und auf Wunsch stellen wir unseren Gästen auch einen modernen Fernseher ins Zimmer. Hier kann man gut zur Ruhe kommen, es gibt oben eine kleine Bibliothek, die Schlei ist fast vor der Haustür.

 

 

Neue Etage: Und was erwartet deine Gäste im Restaurant? Hast du etwas an deinem früheren Konzept verändert?

Maria von Randow: Eine schöne Atmosphäre, eine andere Art Gasthaus, eine einfache, frische Küche, regionale Produkte, die wir aus der Schleiregion beziehen, von Partnern, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten. Eine liebevolle Zubereitung, Ländlichkeit … Und was die Karte betrifft: Für das Alt Sieseby haben wir eine ganze Reihe norddeutscher Klassiker entwickelt, die wir das ganze Jahr über anbieten. Unsere Bratkartoffeln zum Beispiel, die es mit Roastbeef, Noor-Aal in Sauer oder mit Ostseefisch gibt. Oder Bratwürste vom Angler Sattelschwein, unseren Fischpott, die Ravioli mit Frischkäse-Kräuterfüllung … Zusätzlich gibt es eine Seite, die absolut saisonal ist. Zum Landfrühstück können auch Gäste kommen, die kein Zimmer bei uns haben. Sie müssen sich nur vorher anmelden. Nachmittags gibt’s Kaffee und hausgebackenen Kuchen – wenn das Wetter mitspielt, auf unserer Sonnenterrasse. (Wie zum Beweis wendet sich ein Gast beim Abschied an Maria und gratuliert ihr: „Das ist ja hier kaum wiederzuerkennen, großartig! Früher war das ja eher eine dunkle Spelunke. Unglaublich, was Sie daraus gemacht haben!“)

 

 

Neue Etage: Inzwischen sind seit der Eröffnung etwas mehr als die berühmten 100 Tage vergangen. Magst du ein erstes Fazit ziehen?

Maria von Randow (überlegt ein wenig): Grundsätzlich ist es schon jetzt ein Riesenerfolg. So viel positives Feedback habe ich bekommen! Auch von den Menschen aus dem Dorf sind wir super empfangen und angenommen worden. Viele meiner Riesebyer Gäste sind mir nach Sieseby gefolgt, von hier kommen neue hinzu. Im Vergleich zum Anfang – wir sind ja gleich in die Vollen gegangen und alles war neu – sind wir hier im Team deutlich mehr zur Ruhe gekommen. Die Abläufe und Prozesse in Küche und Restaurant hatten wir intensiv vorgeplant, das hat sich bewährt. Manches haben wir nachjustiert, aber das ist ja normal. Das muss man zwischendurch immer wieder mal tun. Wenn sich jetzt die Personalsituation noch stabilisiert, bin ich glücklich.

Neue Etage: Wo stehst du mit deinem Alt Sieseby in einem Jahr? Was wünschst du dir für die Zukunft?

Maria von Randow: Dann sind wir eingespielt und ein Team, das gemeinsam meine Vision von Gastlichkeit weiter verwirklicht. Ich wünsche mir, dass wir unsere Gäste überzeugen, sodass sie gerne wiederkommen. Und ich hoffe, dass der Frieden bleibt. Das heile Landleben hier ist ja nur ein Teil der Wirklichkeit! Ich kann nicht so tun, als lebte ich hier auf einer Insel, ich bin auch mit der Welt verbunden. Das wird ganz schnell klar, wenn mein syrischer Praktikant erzählt, seine Mutter sei von einer Bombe getroffen worden. Ich bin dankbar für das Glück, das ich habe. Gleichzeitig bin ich, sind wir, umgeben von Menschen, denen es schlecht geht. Diese Diskrepanz ist doch absurd! Da wünsche ich mir Lösungen und möchte selbst Teil davon sein. Es ist eben alles gleichzeitig.

 

 

Spricht’s und entschuldigt sich, dass sie nun losmüsse, um zwei Studentinnen vom Bahnhof abzuholen, die in ihren Semesterferien bei ihr kellnern werden. Derweil bestelle ich mir das Roastbeef und lasse das Haus und das Gesagte auf mich wirken. Mein Blick fällt auf das Holztableau, das über einer der Türen hängt. „Erst bedacht, dann vollbracht.“ ist darauf zu lesen. Das könnte auch der innere Motor dieser Patronin sein, die unter ihrem neuen Dach Vielem Raum gibt. Der Weg zu Maria hat sich wie immer gelohnt.

Gasthof Alt Sieseby von 1867
Dorfstraße 24
24351 Thumby/Sieseby

Telefon: 04352/ 956 99 33
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag durchgehend ab 12:00 Uhr, Montag ist Ruhetag

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Und was meinst du?

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